Auf der gleichen Seite der Dorfstraße, in nordöstlicher Richtung liegt das Grundstück der Familie Gronau. Max Gronau ist gelernter Ofen­setzer, mit Meisterbrief. Zu unserer Zeit ist die Be­rufsbezeichnung 'Töpfermeister' üblich.

 

Er heiratet, nach dem Tod seiner ersten Frau, die Ehe ist kinderlos geblieben, im Jahre 1938 seine zweite Frau Marta und hat mit ihr zwei Kin­der. Tochter Brigitte wird am 15.06.1939 und Sohn Wolfgang-Max am 08.05.1941 geboren. Schon aus der Zeit der ersten Ehe ist Pflegesohn Kurt Kiebis, im Hause.

 

Die Kachelöfen die Meister Gro­nau 'setzt' sind eine Generationen-Investi­tion. Der bis unter die Zimmerdecke reichende Kachelver­band ist von innen, im unteren Bereich mit feuerfester Schamotte und im oberen mit einer Mi­schung aus Sand und hochwertigem Lehm  ausgekleidet. Der Ofen speichert die eingeheizte Wärme, je nach Heizmaterial, über zwölf Stunden und länger. Wohl halten die Kacheln, wie er­wähnt meist ein Leben lang, doch um die Feuerzüge sauber zu halten muss so ein Ofen in gewissen Zeitab­ständen neu 'aufgesetzt' werden. Das bedeutet für unse­ren Töpfermeister zwar bezahlte Ar­beit, da aber die Ka­cheln wieder verwendet werden entfällt der Verdienst aus dem Verkauf der Kacheln.

 

Eine kleine Landwirt­schaft mit zwei Pferden die zu dem Anwesen gehört, das Meister Gronau, nur so wird er im Dorf genannt, fleißig bearbeitet sichert das Auskommen der Fa­milie. Eines der Pferde bringt regelmäßig ein Fohlen zur Welt und sorgt damit für ein kleines Zu­brot.

 

Auch die Familie Gronau gehört zu jenen Geidauern die sich entschließen ihre Heimat nicht zu verlassen und die darauf vertrauen nach dem Ende der Kampfhandlungen weiter im Dorf ihrer Arbeit nachgehen zu können. Allein dieses Vertrauen wird auch dieser Familie viel Kummer und Leid bringen.

 

Tochter Brigitte schreibt in ihren Erinnerungen u. a. Zitat: "... In unserem Haus hatten sich Russen einquartiert. Mein Bruder und ich holten nachts die Speise­reste, welche die Russen auf den Mist warfen, zum Verzehr. Im Keller unseres Hauses befanden sich zu dieser Zeit viele Leute. Meine Mutter schickte Vater zu Meister Otto (Bressem) um Essen zu holen. Er kam ohne zurück und erzählte, dass Meister Otto erschossen wurde. ...".

 

Meister Gro­nau soll in Pillau für das russische Militär Öfen aus Ziegelsteinen gebaut haben. Irgendwann wird er in Wischrodt tot aufgefunden.

 

Frau Gronau, sie stammt aus Königsberg, zieht es wieder dorthin. Als ihre Beine sie nicht mehr tragen begibt sie sich mit den beiden Kindern in ein Krankenhaus und stirbt dort.

 

Die Kinder, kaum sechs, bzw. vier Jahre alt, irren ziellos in Königsberg umher bis sie ei­nes Tages aufgefunden und getrennt in Waisenhäu­sern untergebracht werden. Seit dem ist der Sohn Wolfgang-Max verschollen.

 

Schon in Geidau prägt die Mutter den Kindern immer wieder ihren Namen und das Geburtsdatum ein. Für Tochter Brigitte sollte das die Rettung sein. Aber erst 1948 kommt sie, in Güterwagen transportiert, nach Thüringen.

 

Zitat aus ihren Erinnerungen: "... Morgens wenn es hell wurde, schaute man nach, wer noch lebt. Die Toten wur­den entsorgt!"

 

Auch in Thüringen kommt Brigitte noch nicht zur Ruhe. Erst als nach intensi­ver Su­che durch das DRK und andere Suchdienste der Bruder des Vaters und die Schwester der Mutter ge­funden werden kommt sie im März 1954 in den 'Westen'.

 

Unter Mithilfe der Verwandten vervoll­ständigt sie in Hamburg, in der Spätheimkehrerschule, ihre Schulbildung, macht eine Aus­bildung als Kindergärtnerin und kann danach ein geordnetes Leben beginnen.

 

Im Jahre 1964, fast zwanzig Jahre nach dem Ende jenes unseligen Krieges, geht ihre Odyssee zu Ende. Sie wird in Herborn im ev. Kindergarten angestellt.

 

Dort lernt sie Richard Seidl kennen. Seit 1969 ist Brigitte nun Frau Seidl. Heute leben beide als Rentner im Eigenheim der Eltern von Richard Seidl in Herborn.

 

 

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