Vom Bosienschen Haus sind es nur noch etwa 200 Meter bis zur Dorfstraße. Dort trifft man zuerst auf das Anwesen von Heinrich und Alice Buldt.

 

Es ist ein Bau­ernhof mit einem kleinen Geschäft für alles ‘Mögliche’.

Vom guten selbst gebrauten Li­kör über Scho­kolade, Kaffee, Mehl, Zucker, Salzheringe und grüner Seife bis zum Petroleum, alles kann man bei Heinrich Buldt kaufen; dazu gibt es im Hause noch eine ‘Krugstube’. Über eine beto­nierte Treppe gelangt man in den ‘Laden’. Zur rechten Hand steht der Ladentisch mit der Kasse, zur linken in der Ecke hat die He­rings­tonne ih­ren Platz und gerade­aus geht es in die ‘Krugstube’.

 

In ihr treffen sich am Abend Män­ner zum plachan­dern oder zu einem Skat bei Bier und Samlandbittern, den braut Vater Buldt selbst mit 42 Vol. %, im Winter wird dabei meist Grog getrunken. Vater Buldt verkauft nicht nur ‘über den Laden­tisch’.

 

Wenn die Kinder vom benachbarten Gut Kallen zum Konfirmandenunterricht nach Fisch­hausen, gehen geben sie im Vorbeigehen ‘Zettels’[1] ab, die Vater Buldt am Abend, nach Laden­schluss, ‘besorgt’[2] manchmal können Heinz oder ich ihm helfen. Dabei singt er in bester Laune die ‘Waldeslust’ oder: “War einst ein Mädchen weiß wie Schnee...”. Bei nächster Gelegenheit wird die Ware mit Pferd und Wagen ausgeliefert, wir nennen das ‘rumfahren’. Nachdem meine Halb­schwester Christel im Jahre 1936 nach Berlin geheiratet hat leben wir drei 'Jungens', Heinz, Horst und Klaus mit den Eltern und ei­nem bis zwei Mäd­chen[3] in unserem Hause.

 

Ende Januar 1945 werden meine Eltern und Klaus zusammen mit der Mehrzahl der Geidauer Frauen, Kinder und Alten 'evakuiert', das Wort flüchten darf amtlich (noch) nicht ge­braucht werden, denn in spätestens zwei Mo­naten, so wird bei der Ab­reise gesagt, würden alle wieder zu Hause sein!

 

Meine Eltern finden bei Ver­wandten in Stralsund ein Unterkommen. Dort er­krankt Klaus an der Ruhr von der er aber geheilt wird. Einem Aufruf der sowjeti­schen Besatzung folgend gehen meine Eltern nach Kriegsende zurück ins Samland. Dort erkrankt Klaus erneut an der Ruhr. Er stirbt im Dezember 1945 und wird, wie auch mein Vater der im Februar 1946 stirbt, auf unserem Friedhof in Geidau beerdigt. Am 26. Mai 1947 erliegt meine Mutter im Krankenhaus zu Palmnicken einer Ty­phuser­krankung. Sie wird, wie viele Menschen damals, auf dem Flüchtlings­friedhof in Palmnicken, na­menlos begraben.

 

Bruder Heinz will nach seiner Pensionierung aus dem Dienst bei der Bundes­wehr, im Jahre 1976 diese Beschreibung unseres Dorfes als intensive Freizeitarbeit erstellen. Leider kommt er nicht mehr dazu; am 30.11.1974 verstirb er im Krankenhaus in Oldenburg i.O. nach einer Operation. Den als Anhang beigefügten Ortsplan mit der Auflistung der Gebäude hat er schon in den Jahren davor angefertigt.

 

[1]) = vorgedruckte Bestellzettel

[2])= die Waren abwiegen und in einen ‘Kartonche’ einpacken

[3]) = heute nennt man solche Mädchen: Haushaltsgehilfinnen

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