Als erstes Haus, vom Kaddisberg kommend, begrüßt uns das Armenhaus des Dorfes. Es ist ein Strohdachhaus. Bei uns nennt man alle Häuser mit weicher Bedachung so, die Be­zeichnung Reetdachhaus ist nicht geläufig. Sein ehemaliger Besitzer hat das Haus der Ge­meinde schon vor dem Jahr 1900 zum Eigentum übergeben, mit der Auflage, in dem Haus Rentnern und armen Dorf­bewohnern Wohnung, frei oder gegen geringe Miete zu gewäh­ren. Dafür sollen sie jedes Jahr, zu Pfingsten die Schutzsteine vor den Bäumen der Dorfstraße mit Kalkmilch streichen und das ganze Jahr die Wege auf dem Friedhof sauber halten. Im dem Haus sind vier Wohnun­gen. Dazu gehören, wie auch zu allen Insthäusern, kleine Nebenge­bäude als Stallungen für Vieh und zur Lage­rung von Heizmaterial.

 

 

 

Familie Gustav Federmann.

Die Wohnung rechts vom Eingang, auf der Rückseite des Hauses bewohnt Gustav Federmann mit seiner Frau Luise und Sohn Kurt. Gustav Federmann verdient sein Geld als Frei­ar­beiter. In unse­rem Dorf gibt es mehrere Freiarbeiter, sie haben kein festes Dauerarbeitsver­hältnis, und arbeiteten immer dort wo gerade Not am Mann ist. Als Mitte der dreißiger Jahre des zwan­zigs­ten Jahrhunderts in Powayen eine Munitionsherstellungs- und Lageranlage, kurz 'Muna' ge­nannt, gebaut wird erhal­ten die arbeitsfähigen Freiarbeiter dort eine feste Anstellung; so haben sie ein ge­sichertes Einkom­men. Zur Zeit der Getreide- und der Kartoffelernte können sie Urlaub nehmen, ihre Miete abarbei­ten und die Kartoffeln im Garten und auf dem Deputatland ernten. Über das Schicksal von Gustav Federmann und seiner Frau Luise ist mir nichts genaues bekannt, sie sol­len im Jahre 1945 in einem Gebiet unter polnischer Verwaltung gestorben sein. Sohn Kurt ist im Januar 1945 gefallen.

 

 

 Frau Elise Federmann.

In der linken Wohnung auf der Rückseite lebt Frau Elise Federmann mit ihrem Sohn Det­lef; auch sie arbeitet später in der 'Muna'. Dazu ist Frau Federmann geschickt im Umgang mit Na­del und Fa­den; sie ist die Änderungsschneiderin unserer Familie. Oft kommt sie nach der großen Wä­sche zu uns ins Haus um Wäschestücke auszubessern. Ich bin oft bei ihr zum Anpassen. Immer wenn mei­nem Bruder Heinz ein Kleidungsstück zu eng geworden ist, ändert Frau Federmann es für mich. Es ist üblich, dass der Zweitgeborene der Auftrager in der Familie ist. Elise Feder­mann verschlägt die Flucht nach Beyersdorf b. Magdeburg, dort stirbt sie, nach meinen Unterlagen, im Februar 1979. Über den Verbleib von Sohn Detlef ist in meinen Unterlagen nichts vermerkt, mehr­fache Versuche ihn telefonisch zu erreichen bleiben ergebnislos.

 

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