Es war einmal ein Dorf das Geidau hieß...

Das Dorf lag im Samland, etwa 2 km nördlich der Bahnlinie Königsberg-Pillau, zwischen den Stationen Caspershö­fen und Fisch­hausen. Geidau war ein sehr altes Dorf.

 

“... Schon im Jahre 1268 ver­schrieb Bischof Heinrich von Samland fünf deutschen Ansiedlern je 10 Hufen, von denen jeder 3 zinsfrei als Burgle­hen erhielt mit der Verpflichtung, bei der Burg Schönewik zu wohnen und dieselbe zu verteidigen. Die übertra­genen Hufen lagen in ‘Geidau’. Wei­ter fin­den sich in dieser Zeit keine dienstpflichtigen deutschen Gutsbe­sitzer im Samlande. Dafür stellte der Bischof auch Preußen in den Burgdienst. Im Jahre 1301 erhielt der Same Remboto ein Burglehen ebenfalls in Geidau unter ähnlichen Bedingungen wie jene fünf. ...”

 

Knapp zweihundert Seelen wohnen, um die Mitte der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahr­hunderts, in den Häusern abseits der schnurgeraden, von Linden und Ebereschen umsäumten Dorf­straße, mit der die Gehöfte durch etwa dreißig bis achtzig Meter lange Auffahrten verbunden sind.

 

Es sind Bauern, Landarbeiter, Handwerker, ein Kaufmann und ein Lehrer. Noch bis zum Jahr 1915 verwandelte sich die Dorfstraße, besonders im Frühjahr und im Herbst in eine Stre­cke von Schlamm und Morast; sie war nicht befestigt. Gemeindevorsteher war zu jener Zeit Franz Feder­mann, Besitzer des Hofes Federmann. Obwohl Kriegszeit war, setzte er die Befestigung der Straße durch. Zwei Drittel der Breite wurden gepflastert, ein Drittel erhielt einen festen Unterbau mit san­diger Oberfläche, als so genannten Sommerweg. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurden auch die Bäume beiderseits der Straße gepflanzt.

 

Von Fischhausen kommend, ist am Anfang des Dor­fes, auf einer Anhöhe, hinter dem Anwesen der Familie Buldt, ein Friedhof angelegt. Eschen, Pap­peln und eine Fliederhecke spenden den Gräbern und ihren Besuchern angenehmen Schatten an heißen Sommertagen. In Herbst und Winter schützt die Bepflanzung vor rauen Winden.

Der Abhang zur Trift wird im Winter zur Rodelbahn für uns Kinder von diesem Dorfende. Die Trift ist ein unbe­fes­tigter Weg der zu den Feldern, Weiden und Wiesen im Tal des Germauer Müh­lenfließes führt. Wenn Ende Februar bis Anfang März die Schneeschmelze einsetzt stehen die Wiesen im Tal weit­hin unter Wasser. Gibt es dann in dieser Zeit noch mal, vor allem bei Nacht, strengen Frost, können wir auf Schlittschuhen bis nach Fischhausen laufen.

 

Zwischen dem Schulgrundstück und der Dorfstraße lag ein kleiner Teich, der Schulteich. Auf ihm schwim­men im Sommer die Gänse und Enten der umliegenden Gehöfte. Manchmal kä­schern wir Kinder dort im Sommer auch Karausche. Im Winter, wenn der Teich zugefroren ist, rammt unser Lehrer ei­nen Pfahl, in der Mitte des Teiches, durch das Eis in den Grund. Der Pfahl hat am oberen Ende einen Zapfen auf den eine lange Querstange mit einer Schlaufe aufge­steckt wird. Am freien Ende der Stange können wir unsere Schlitten festbinden. Wenn nun die Stange um den Pfahl geschoben wird, schleudern die Schlitten im Kreis auf dem Eis herum. Das nennen wir Krän­gelschlitten fah­ren und es macht uns Kindern viel Spaß. Der Winter bietet uns Kin­dern viel Freuden. Wenn sich dann eine geschlossene Schneedecke über das Land gebreitet hat und die Tei­che zugefroren sind, holen wir unsere Rodelschlitten aus dem Sommerlager. Ein ganz besonderes Vergnügen ist das ‘Bommelschlitten’ fahren. Dabei bommeln wir mehrere Schlit­ten, hintereinan­der, an einen großen von Pferden gezogenen Schlitten. Oft erlaubt uns Vater am Sonntagnachmittag den ‘Braunen’ zum Bewegen, wie er sagt, vor die Bommelschlitten zu span­nen. Solch eine Fahrt beginnt meist mit zwei bis drei Schlitten. Im Verlauf der Fahrt verlängert sich das Gebommel auf bis zu zehn Schlitten.

 

Etwa in der Mitte das Dorfes liegt der grö­ßere Dorfteich. Ich kann mich nicht erinnern ob auch auf ihm Krängelschlitten gefahren wurde. Nach mündlicher Überlieferung waren die beiden Teiche in den ersten Jahren nach der Besiedelung des Dorfes so groß, dass sie ein Gewässer bilde­ten. In späteren Jahren wurde der mittlere Bereich, durch Zuschüt­ten mit Sand und Mutterboden, zu fruchtbarem Ackerland, auf dem sich die Vorbesitzer von Bauer Eggert und Stellmachermeister Polleit ansiedeln konnten.

 

In den zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wird das Dorf an die Stromversorgung der Ostpreußenwerke angeschlossen. Beim Dorfteich, steht das hohe Transforma­torhaus, un­mittelbar daneben das Spritzen­haus und dahin­ter die Wasserwagen.

 

Ja un­ser Geidau hat eine ei­gene freiwil­lige Feu­er­wehr. Die auf einem Wagen fest montierte Pumpe wird beim Ein­satz von vier Pferden gezogen. Mindestens acht Feuerwehrleute, vier an jeden ‘Druckbaum’, drücken das Löschwasser durch die Schläuche zum Brandherd. Das Wasser wird mit Eimern aus Tei­chen ge­schöpft und in die Wasser­wagen gefüllt, die dann von je zwei Pfer­den zur Brandstelle gezo­gen werden. Ich kann mich an ein Großfeuer auf dem be­nachbarten Gut Karlshof erinnern. Es muss Ende Novem­ber 1938 ge­wesen sein, als dort der Kuhstall bis auf die Grundmauern nieder brannte. Als Brandmeister fun­giert zu mei­ner Jungenszeit Richard Feder­mann, der größte Bauer des Dor­fes.

Allseits beliebt sind die Feu­erwehr­übungen. Wohl wird auch da­bei tüchtig gelöscht ber nach dem Wa­schen und Umziehen in Aus­gehuniform, bei 'Vater Heinrich' im ‘Laden’ und in der ‘Krugstub’ natürlich mit Ponarther Märzen.

           

Außer der freiwilligen Feuerwehr gibt es in unserem Dorf keine weiteren Vereine keinen Gesangverein, keinen Kegelklub und auch keinen Turnverein, haben doch alle Bewohner tagsüber im Rahmen ihrer Arbeit Bewegung genug.

Am Wochenende und nach Feierabend fordert der Gar­ten und das Deputatland die letzten Stunden der Freizeit.

 

Das Wort Hobby ist zu unserer Zeit, zu­mindest in unserem Dorf, noch unbekannt! In den Häusern der Bauern, aber auch in einigen Insthäu­sern ist es nicht ungewöhnlich wenn drei Generationen unter einem Dach leben. Da sind Oma und Opa eine willkommene Hilfe im Haushalt und im Garten. Für das Feuerholz ist Opa so­wieso zu­ständig, wer sonst könnte das gehackte Holz so perfekt zum Diemen auffleihen, wenn nicht Opa, und wer könnte an den langen Winterabenden schönere Geschichten erzählen als Oma und Opa. Fernsehen gibt es zu unserer Zeit nicht. So leben die Menschen zufrieden und gesund und vor allem ist das Nervenkostüm mit Sicherheit stabiler als bei den späteren Zeitgenossen.

 

Drei Wege führen nach Geidau:

Von Fischhausen verläuft eine Straße, gepflastert wie un­sere Dorfstraße, bis zum Gut Karlshof.  Dort endet die befestigte Straße. Die restliche Strecke, von gut einem Kilometer, bis in das Dorf ist ein unbefestigter, und besonders im Herbst und im Frühjahr nur schwer befahrbarer Weg.

 

Der zweite Weg kommt vom Gut Kallen. Er verläuft unterhalb des Kausters. Der Kauster ist ein Berg von etwa 35 m Höhe. Zwei Wege teilen den bewaldeten Hügel in drei Teile. Blickt man vom Weg nach Geidau aus zu ihm hinauf, liegt rechts der zum Gut Kallen gehörende Teil. In die­sem Teil des Kausters wachsen im Frühjahr Maiglöckchen. Kinder welche die guten Stellen kennen pflücken dort ansehnliche Sträuße die sie in Fischhausen verkaufen. Vom Erlös gönnen sie sich kleine Leckereien, so wird Bäcker Tesmer, wenn er einmal in der Woche mit seinem Kastenwagen durch das Dorf fährt von uns Kindern belagert, hat er doch duftende Streuselkuchen und Amerika­ner in seinen Kisten. Der mittlere und der linke Teil liegen auf einer Flur der Gemeinde Geidau. Die Gehölze aber gehören zum Gut Gaffken, nur fünfzehn Morgen, meist Eichen, gehören zum Hof Fe­dermann. Alle übrigen geidauer Besitzer hatten ihre Anteile, so wird erzählt, irgendwann für ein Fass Bier an das Gut Gaffken verkauft. Dennoch kassiert Geidau, als Gemeindeverwaltung, die Grundsteuern vom Gut Gaffken, das Grundbesitzer ist. Unseren Kauster kann man als das Naher­holungsgebiet der Geidauer bezeichnen. Ein Sonntagsspaziergang bei schö­nem Wetter ist be­liebt, besonders bei jungen Pärchen. In Sommer und Herbst kann man Wald­erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren ernten. Wenn im Winter der Wald verscheit und der davor liegende Torfteich zu­gefro­ren ist gibt es in einer Schneise eine lange Rodelbahn auf der sich bis in die Dämmerung die Jugend vom hinteren Dorfende trifft. Auf der gaffker Seite wird in einer Kies­grube, bei Bedarf, Kies aller Arten und Qualitäten abgebaut.

 

Dank der Initiative des Barons Oskar von der Goltz, Be­sitzer des Gutes Kallen, gibt es einen Kleinkaliber Schützenverein. Seinen Schieß­stand, mit über­dachtem Unterstand und Geräteraum, hat der Verein im kallener Teil des Kausters aufgebaut. Bis Anfang der dreißiger Jahre fand hier, ein Mal im Jahr zur Sommerzeit, an einem Wochenende ein beliebtes Schützenfest, nicht nur für die Schützen des Vereins, statt. Eines dieser Feste habe ich noch heute in der Erinnerung, als wäre es erst gestern gefeiert worden. Schon am Sonn­abendabend werden Gäste aus Königsberg auf, mit fri­schem Birkengrün geschmückten, Lei­terwa­gen vom Bahnhof in Caspershöfen abgeholt. Früh am Sonntagmorgen sind Groß und Klein auf den Beinen, in Richtung Kauster. 'Vater Heinrich' hat ne­ben dem Unterstand, zwischen zwei großen Buchen eine Tonbank aufgebaut. Darunter lagern in Wannen zwischen Eisblöcken Getränke aller Art zum Verkauf. Zur Mittagszeit werden große, emaillierte Töpfen angefahren. Aus ihnen wird Erbsensuppe ausgeschenkt. Auf einer Lichtung ist ein Tanzboden aus glatten Dielen aufge­baut, und die Kapelle des Bernsteinwerkes Palmnicken spielt bis in die Nacht zum Tanz auf. Wo all' die fröhlich Singen­den und Tanzenden nach dem Ende des Festes die Nacht verbrachten? Wer will das heute noch wissen. Wir Kinder jeden­falls muss­ten, wenn es dunkel wurde leider nach Hause ins Bett!

Der Weg vom Kauster nach Geidau mündet vor dem Anwesen der Familie Huuck in das nordöstliche Ende der Dorfstraße.

 

Ein dritter Weg verbindet unsere Bahn­station Cas­pershöfen mit dem Dorf. Der unbe­festigte Weg führt am Kaddigsberg vorbei, zum Dorf. Der Kaddigsberg ist ein nur leicht erhöh­ter, sandi­ger Hügel. Er ist mit Kiefern und einer be­sonderen Wacholderart, die man bei uns Kad­dig nennt und dem Hügel den Namen gab, be­wach­sen. Die Früchte der Sträucher sind eine be­gehrte Zutat zum verfeinern von Wildbret. Im Kaddigsberg stellt unser Lehrer Siegmund, er ist auch Jagd­pächter die­ser Region, in den Abend­stunden Grimmbart, dem schlauen Dachs nach. Auf der dem Wald gegenüberliegenden Seite ist der Weg durch hohe Brombeersträucher begrenzt. Sie machen den Weg zu einem Hohlweg, der im Winter oft zustiemt. Dann wird vor und hinter dem Kad­digsberg der Zaun der Weide­gärten durch­schnitten so, dass die Schlitten über die flachen Weiden ausweichen können. Bei der üblichen Grundüberholung aller Zäune der Weideflächen im Frühjahr, werden die Drähte dann wieder zu­sammengefügt. Sicher wäre noch vieles über unser Dorf zu berichten, das aber würde den Rahmen einer kurzen Ortsbeschreibung, wie ich sie anstrebe, sprengen.

 

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