Die Menschen...
wer sie waren, was sie waren und wohin sie verschlagen wurden.
Familiengeschichten und Dorfbeschreibung
von Horst Buldt †
Als erstes Haus, vom Kaddicksberg kommend, begrüßt uns das Armenhaus des Dorfes. Es ist ein Strohdachhaus. Bei uns nennt man alle Häuser mit weicher Bedachung so, die Bezeichnung Reetdachhaus ist nicht geläufig. Sein ehemaliger Besitzer hat das Haus der Gemeinde schon vor dem Jahr 1900 zum Eigentum übergeben, mit der Auflage, in dem Haus Rentnern und armen Dorfbewohnern Wohnung, frei oder gegen geringe Miete zu gewähren. Dafür sollen sie jedes Jahr, zu Pfingsten die Schutzsteine vor den Bäumen der Dorfstraße mit Kalkmilch streichen und das ganze Jahr die Wege auf dem Friedhof sauber halten. Im dem Haus sind vier Wohnungen. Dazu gehören, wie auch zu allen Insthäusern, kleine Nebengebäude als Stallungen für Vieh und zur Lagerung von Heizmaterial. Ehepaar Karl und Rosine Eisenberg
In der linken Wohnung auf der Vorderseite wohnt der Rentner Karl Eisenberg mit seiner Frau Rosine. Er war einst Kämmerer auf dem Hof der Familie Federmann. Karl Eisenberg ist auch als Rentner noch rüstig und aktiv; sein Markenzeichen: Zu jeder Tageszeit sind seine Knobelbecher (kurze Stiefel) mustergültig geputzt und der silbergraue Schnurrbart ist säuberlich aufgezwirbelt! Im Sommer mäht er das Gras in den Gräben der Gemeinde und trocknete es zu Heu, als Winterfutter für seine Tiere. Er weiß die Sense vortrefflich zu führen. Obwohl mein Vater sehr eigen mit seinem Rasen in unserem Garten ist, Karl Eisenberg darf ihn mähen wenn mal Not am Mann ist, dafür erhält er den Bewuchs der dreieckigen Grünfläche zwischen der Dorfstraße und unserm Garten, zum Heu machen für sein Viehzeug. Das Ehepaar findet, im Januar 1945, auf der Flucht Platz auf einem großen Schiff das von Pillau in Richtung Danzig-Gotenhafen ausläuft. Das Schiff ist, wie die meisten der Flüchtlingsschiffe, vollkommen überladen. Während sich Frau Rosine zum Essen holen an-stellt ist ihr Mann, auf dem Schiff, verschollen. Frau Eisenberg lebte bis 1955 in Wannweil/Reutlingen. Alle Versuche, über Suchdienste verschiedener Art, ihren Mann zu finden, bleiben erfolglos - Karl Eisenberg bleibt verschollen.
Familie Friedrich Makowski
In der rechten Wohnung auf der Vorderseite des Hauses wohnt der Schneidermeister Friedrich Makowski mit seiner Familie. Obwohl Herr Makowski seinen Meistertitel zu Recht führt, arbeitet er kaum in seinem Fach für Kundschaft in Geidau. Sieben Kinder wachsen in seiner Familie auf. Der einzige Sohn stirbt schon im Alter von zwölf Jahren; er wird wie auch seine Mutter, die zwei Jahre später stirbt auf unserem Friedhof beerdigt. Nach deren Tod heiratet Meister Makowski seine zweite Frau Berta, geb. Federmann; mit ihr zusammen geht er auf die Flucht zu seiner Tochter Grete nach Deutzen/Sachsen. Dort lebt er bis 1947, seine Frau Berta bis 1982. Heute lebt nur noch die jüngste Tochter Selma, verh. Riemann, in Kiel.
Familie Gustav Federmann
Die Wohnung rechts vom Eingang, auf der Rückseite des Hauses bewohnt Gustav Federmann mit seiner Frau Luise und Sohn Kurt. Gustav Federmann verdient sein Geld als Freiarbeiter. In unserem Dorf gibt es mehrere Freiarbeiter, sie haben kein festes Dauerarbeitsverhältnis, und arbeiteten immer dort wo gerade Not am Mann ist. Als Mitte der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Powayen eine Munitionsherstellungs- und Lageranlage, kurz 'Muna' genannt, gebaut wird erhalten die arbeitsfähigen Freiarbeiter dort eine feste Anstellung; so haben sie ein gesichertes Einkommen. Zur Zeit der Getreide- und der Kartoffelernte können sie Urlaub nehmen, ihre Miete abarbeiten und die Kartoffeln im Garten und auf dem Deputatland ernten. Über das Schicksal von Gustav Federmann und seiner Frau Luise ist mir nichts genaues bekannt, sie sollen im Jahre 1945 in einem Gebiet unter polnischer Verwaltung gestorben sein. Sohn Kurt ist im Januar 1945 gefallen.
Frau Elise Federmann
In der linken Wohnung auf der Rückseite lebt Frau Elise Federmann mit ihrem Sohn Detlef; auch sie arbeitet später in der 'Muna'. Dazu ist Frau Federmann geschickt im Umgang mit Nadel und Faden; sie ist die Änderungsschneiderin unserer Familie. Oft kommt sie nach der großen Wäsche zu uns ins Haus um Wäschestücke auszubessern. Ich bin oft bei ihr zum Anpassen. Immer wenn meinem Bruder Heinz ein Kleidungsstück zu eng geworden ist, ändert Frau Federmann es für mich. Es ist üblich, dass der Zweitgeborene der Auftrager in der Familie ist. Elise Federmann verschlägt die Flucht nach Beyersdorf b. Magdeburg, dort stirbt sie, nach meinen Unterlagen, im Februar 1979. Über den Verbleib von Sohn Detlef ist in meinen Unterlagen nichts vermerkt, mehrfache Versuche ihn telefonisch zu erreichen bleiben ergebnislos.
Otto Littmann und Frau
Als nächstes Haus auf dem Weg ins Dorf, liegt auf der rechten Seite des Caspershöfener Weges, das sogenannte Bosiensche Haus. Auch dieses Haus ist eine Strohdachkate. Es gehört der Familie des Bauern Eggert. Das Haus hat zwei Wohnungen. In der rechten Hälfte, von der Straße aus gesehen, wohnt der Schuhmacher Otto Littman mit seiner Frau, einer geborenen Bosien. In der linken Hälfte lebt eine alleinstehende Frau Bosien. In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis die beiden Frauen zu einander stehen weiß ich nicht. Otto Littmann ist für alle im Dorf unser Schustermeister, die korrekte Bezeichnung 'Schuhmacher' gebraucht niemand. Schon als kleiner Junge besuche ich, wie auch andere Kinder, den Meister gerne und das nicht nur wenn Schuhe zur Reparatur gebracht werden sollen. Die Eingangstür auf der Rückseite des Hauses führt in einen Raum von geringer Tiefe, den Frau Littmann als Küche nutzt. Der Herd steht in der Mitte der Wand die der Tür gegenüber liegt. Die Wände sind vollgepackt mit Leisten, die in Regalen lagern. Eine Tür in der linken Wand führt direkt in die Werkstatt. Auch hier sieht man auf jedem freien Platz Leisten. Es sieht aus, als hätte jeder Fuß im Dorf hier seinen Leisten liegen. Direkt unter dem, nach Südosten weisenden Fenster steht der Arbeitstisch, davor der dreibeinigen Schemel, auf dem der Meister sitzt. Auf dem Tisch liegen die Werkzeuge und Werkstoffe griffbereit. Eine mit Wasser gefüllte Glaskugel, die sogenannte Schusterkugel ist in Fensternähe mit einer Schnur, so an der Decke befestigt, dass sie das von außen einfallende Licht bündelt, und der Lichtstrahl genau auf des Meisters Hand fällt. Wenn es draußen dunkel wird ersetzt eine Petroleumlampe notdürftig das Sonnenlicht. Während der Dämmerung macht der Meister Vesperpause. "Dämmerlicht und Lampenlicht geben zusammen Zwielicht und das schadet den Augen!", ist seine Erklärung. Stundenlang kann ich bei seiner Arbeit zusehen, mit welcher Genauigkeit die Löcher für die Tekse beim Besohlen gesetzt, und die Tekse eingeschlagen werden. Dabei kann der Meister interessante Geschichten erzählen, von früher als es noch spukte. Er hört aber auch aufmerksam zu wenn ich 'mal über zu Hause meckere, wegen immer vernünftig sein müssen, über Essen das nich' schmeckt und dass ich in die höhere Schule soll - aber da komme ich bei Meister Littmann an den Verkehrten: "Jung ek wöll di moal wat segge: Schoal kannst niemoals jenooch kriege! Ök weer froh jewäse wenn ök hadd mehr lehre kund, oaber wi musste in de Lehr' und oarbeide! Go du man no de höchere Schoal und si dankboar doafär!" So plachandern wir manchmal stundenlang und ich glaube, auf diese Art hat der gute alte Meister einen unerkannten Blick in das Leben vieler Familien im Dorf. Um das Jahr 1940 lassen seine Kräfte, vor allem die Sehkraft der Augen nach. Mit seiner Frau und der auch schon betagten Frau Bosien zieht er zu seinem Sohn nach Pommern. Über das weitere Ergehen der Familie habe ich keine Informationen.
Familie Franz Hoffmann
Das freigewordene Haus bezieht Franz Hoffmann mit seiner kinderreichen Familie. Elf Kinder wachsen in dem Haus auf, zwei davon sterben schon im Jahre 1935 in Geidau. Sie werden auf unserem Friedhof beerdigt. Franz Hoffmann arbeitet sich zum Vorarbeiter in der 'Muna' hoch. Auch Tochter Frieda arbeitet nach der Schulentlassung in der 'Muna'. Franz Hoffmann gehört zu jenen Geidauern die im Januar 1945 nicht auf die Flucht gehen wollen, aber dann raten ihm Soldaten, die das Dorf verteidigen sollen, eindringlich das Dorf zu verlassen und den Rat befolgte er. Tochter Frieda, sie ist zu der Zeit in Rauschen beschäftigt, gelingt die Flucht über Pillau in die Gegend von Lünen, in Nordrhein-Westfalen. Ihre jüngeren Geschwister findet sie nach aktiver Suche über den Suchdienst des DRK. Bruder Heinz, gelernter Maurer, hat sich in Creutzwald in Frankreich niedergelassen und lebt dort noch heute. Die Eltern, Schwester Hanna, und Bruder Willi sollen auf der Flucht in der Gegend von Lochstädt gestorben sein. Schwester Herta, verh. Leideker, stirbt am 08.01.1985 nach einer Herzoperation in Oberaden, dort lebt auch Frieda heute, als verh. Ryske.
Familie Heinrich Buldt
Vom Bosienschen Haus sind es nur noch etwa 200 Meter bis zur Dorfstraße. Dort trifft man zuerst auf das Anwesen von Heinrich und Alice Buldt. Es ist ein Bauernhof mit einem kleinen Geschäft für alles ‘Mögliche’ - mein Elternhaus. Vom guten selbst gebrauten Likör über Schokolade, Kaffee, Mehl, Zucker, Salzheringe und grüner Seife bis zum Petroleum, alles kann man bei Heinrich Buldt kaufen; dazu gibt es im Hause noch eine ‘Krugstube’. Über eine betonierte Treppe gelangt man in den ‘Laden’. Zur rechten Hand steht der Ladentisch mit der Kasse, zur linken in der Ecke hat die Heringstonne ihren Platz und geradeaus geht es in die ‘Krugstube’.
In ihr treffen sich am Abend Männer zum plachandern oder zu einem Skat bei Bier und Samlandbittern, den braut Vater selbst mit 42 Vol. %, im Winter wird dabei meist Grog getrunken. Vater verkauft nicht nur ‘über den Ladentisch’. Wenn die Kinder vom benachbarten Gut Kallen zum Konfirmandenunterricht nach Fisch-hausen, gehen geben sie im Vorbeigehen ‘Zettels’ ab, die Vater am Abend, nach Ladenschluss, ‘besorgt’, manchmal können Heinz oder ich ihm helfen. Dabei singt er in bester Laune die ‘Waldeslust’ oder: “War einst ein Mädchen weiß wie Schnee...”. Bei nächster Gelegenheit wird die Ware mit Pferd und Wagen ausgeliefert, wir nennen das ‘rumfahren’. Nachdem meine Halbschwester Christel im Jahre 1936 nach Berlin geheiratet hat leben wir drei 'Jungens', Heinz, Horst und Klaus mit den Eltern und einem bis zwei Mädchen in unserem Hause. Ende Januar 1945 werden meine Eltern und Klaus zusammen mit der Mehrzahl der Geidauer Frauen, Kinder und Alten 'evakuiert', das Wort flüchten darf amtlich (noch) nicht gebraucht werden, denn in spätestens zwei Monaten, so wird bei der Abreise gesagt, würden alle wieder zu Hause sein! Meine Eltern finden bei Verwandten in Stralsund ein Unterkommen. Dort erkrankt Klaus an der Ruhr von der er aber geheilt wird.
Einem Aufruf der sowjetischen Besatzung folgend gehen meine Eltern nach Kriegsende zurück ins Samland.
Dort erkrankt Klaus erneut an der Ruhr. Er stirbt im Dezember 1945 und wird, wie auch mein Vater der im Februar 1946 stirbt, auf unserem Friedhof in Geidau beerdigt. Am 26. Mai 1947 erliegt meine Mutter im Krankenhaus zu Palmnicken einer Typhuserkrankung. Sie wird, wie viele Menschen damals, auf dem Flüchtlingsfriedhof in Palmnicken, namenlos begraben. Bruder Heinz will nach seiner Pensionierung aus dem Dienst bei der Bundeswehr, im Jahre 1976 diese Beschreibung unseres Dorfes als intensive Freizeitarbeit erstellen. Leider kommt er nicht mehr dazu; am 30.11.1974 verstirb er im Krankenhaus in Oldenburg i.O. nach einer Operation. Den als Anhang beigefügten Ortsplan mit der Auflistung der Gebäude hat er schon in den Jahren davor angefertigt.
Familie Fritz Hildebrandt
Direkt neben unserem Hof, nur getrennt durch die Trift, liegt der so genannte Krausesche Hof. Das Anwesen gehörte einst einer Familie Rose. Tochter Ludowika heiratete Bauer Krause der anderweitig Ländereien besaß und die Kate samt Grundstück zum Kauf anbot. Daraufhin übernimmt mein Vater das gesamte Anwesen. Das strohgedeckte Wohnhaus wird unser Insthaus. In dem Haus sind drei Wohnungen eingerichtet. Eine davon bewohnt Fritz Hildebrandt mit seiner Frau Anna und Tochter Edeltraut. Dazu soll auch ein Pflegesohn, namens Kurt gehören, an ihn kann ich mich nicht erinnern. Auch Fritz Hildebrandt ist als Vorarbeiter bei der 'Muna' in Powayen beschäftigt und hilft während der Erntezeit oft auf unserem Hof. Frau Hildebrandt ist eine zuverlässige Hilfe für meine Mutter in Haus und Hof - wann immer Not am Mann ist. Die Familie soll irgendwann auf der Flucht in Greifswald gesehen worden sein, gilt aber als verschollen.
Familie Gustav Klaus
In die zweite Wohnung des Hauses zieht im Frühjahr 1936 Gustav Klaus mit seiner Frau Gerda ein. Bis zu seiner Einberufung ist er unser Gespannführer-Deputant. Sohn Günter wird am 29.12.1936 als erstes von insgesamt fünf Kindern in Geidau geboren. Im Juli 1944 fällt Gustav Klaus an der Ostfront. Seine Frau behält als Kriegerwitwe natürlich ihre Wohnung; das ist zu dieser Zeit selbstverständlich. Auch Frau Klaus wird im Januar 1945 mit ihren Kindern evakuiert. In Karlsruhe findet die Familie ein neues Zuhause. Dort stirbt Frau Klaus im Jahre 1997. Sohn Rudi stirbt im Jahre 2003, ebenfalls in Karlsruhe; auch Tochter Inge verh. Wagner stirbt im Jahre 1998 in Karlsruhe. Sohn Herbert lebt bis 2004 in Gelsenkirchen, und stirbt dort auch. Der älteste Sohn Günter lebt heute noch in Karlsruhe, sein Bruder Gerhard in Obersdorf.
Familie Karl Maschinski
Die dritte Wohnung bewohnen seit Ende der dreißiger Jahre Karl und Emma Maschinski mit ihren Töchtern Helga und Herta. Mit zur Familie gehört Kurt Kirschning, ihn hat Frau Maschinski, geb. Kirschning, mit in die Ehe gebracht. Karl Maschinski ist ursprünglich für unserem Hof als Melker eingestellt. Nachdem Gustav Klaus aber schon Anfang des Krieges eingezogen wird entwickelt Karl Maschinski sich zu einem richtigen 'Allroundmann'. Er arbeitet überall wo Not am Mann ist, ob Gespann fahren bei der Ernte, pflügen mit drei Pferden quer, oder ob es kleine Reparaturen an Wagen und Geräten sind, er kann es; und wenn zu besonderen Gelegenheiten 'mal ein Kalbsbraten gebraucht wird - auch das erledigt Karl Maschinski, im verschlossenen Wagenschauer und ganz ohne Formalitäten. Kurt Kirschning, sein Stiefsohn, geht ihm bei allen Arbeiten als Hofgänger zur Hand, bis auch er, anfangs der vierziger Jahre, eingezogen wird. Nach der Flucht findet die Familie in Leck in Schleswig-Holstein eine Unterkunft. Hier stirbt Frau Maschinski am 12.10.1972, ihr Mann folgt ihr am 23.02.1973. Tochter Helga, inzwischen verheiratete Wolfsen, stirbt am 24.05.1980 ebenfalls in Leck. Tochter Herta, zieht als verheiratete Painer nach Nordrhein-Westfalen, über ihr weiteres Ergehen und ihren derzeitigen Aufenthalt habe ich, wie auch über ihren Stiefbruder Kurt Kirschning, keine Informationen.
Familie Siegmund und unsere Schule
Seit dem Jahr 1918 ist unser Lehrer Paul Siegmund mit seiner Frau Helene und Tochter Liselotte in Geidau. Der Schulbetrieb ist, wie zu unserer Zeit üblich, geprägt von Disziplin und Ordnung, gepaart mit fürsorglichem Verantwortungsbewusstsein. Lehrer Siegmund hat die besondere Gabe, Ereignisse aus der Geschichte und Themen der Religion, uns Kindern in anschaulicher Form zu vermitteln und das bei acht Jahrgängen in einem Klassenraum, mit bis zu vierzig Kindern.
Als im Januar 1945 die Zivilbevölkerung evakuiert wird, verlässt Frau Siegmund zusammen mit Tochter Liselotte, inzwischen verh. Grabowsky, das Dorf. Nach abenteuerlicher Flucht, mit Erlebnissen unter russischer Besatzung, finden beide im Juli 1946 in Karby b. Kappeln/Schlesw-Holst eine neue Bleibe. Frau Siegmund stirbt am 17.08.1967 in Karlsburg b. Kappeln im Hause ihrer Tochter. Frau Grabowsky geb. Siegmund lebt heute in geistiger Frische im Kreisseniorenheim Eckernförde. Lehrer Siegmund muss, als noch volkssturmpflichtig, in Geidau bleiben. Anfang Februar 1945 erscheinen die ersten T 34 - Panzer der Roten Armee vor Geidau. Am 4. Februar verlässt auch er zusammen mit den letzten Zivilisten das Dorf in Richtung Pillau. Nach einigen Tagen kehren sie jedoch noch einmal zurück.
Am 16. April wird Geidau von der Roten Armee besetzt.
Paul Siegmund findet in Pillau Platz auf einem Schiff in Richtung Gotenhafen. Dort wird das Schiff bombardiert. Er hat Glück, nur einer seiner Koffer geht ihm verloren, im übrigen kommt mit heiler Haut davon. Auf einem anderen Schiff gelangt er bis Saßnitz/Rügen. Am 02. Mai kann er dort einen Platz auf dem Fährschiff Deutschland ergattern, aber das Schiff erhält in keinem Hafen die Erlaubnis zum Anlegen. Erst am 17. Juni kann er in Eckernförde an Land gehen. Am Kai stehen, neben Neugierigen, auch Landwirte und halten, auch wenn anderes gesagt wird, Ausschau nach geeigneten Arbeitskräften. Paul Siegmund kommt bei einem Bauern aus Loose unter und hilft dort auf dem Hof. Bald bekommt er eine Lehrerstelle in Karby b. Kappeln und Später in Rieseby b. Eckerförde. Dort genießt er auch den Ruhestand bis er am 22. Juni 1965 diese Welt verlässt.
Familie Birkholz
Der Blick vom Schulhof über die Dorfstraße fällt auf das strohgedeckte Wohnhaus der Familie Birkholz. Zum Anwesen gehört eine kleine Landwirtschaft mit einem Stallgebäude, einer Scheune und einem Flachbau den Großvater Gustav Birkholz, er war Schumacher, einst als Werkstatt nutzte. In einem weiteren strohgedeckten Haus wohnte der Maurer Fritz Gronwald mit seiner Familie. Etwa 1936 verläßt die Familie Geidau, und die Familie Birkholz übernimmt das Anwesen. Der Zustand des Hauses ist so, dass eine Renovierung nicht lohnt. So stellt die Familie das Haus, vor dem Abbruch, der freiwilligen Feu-erwehr als Übungsobjekt zur Verfügung.
Man kann nicht über Geidau berichten ohne Fritz Birkholz, die Person unseres ‘Meister Birkholz’, besonders zu erwähnen.
Nicht jedes Dorf kann solch einen 'Alleskönner' vorweisen. Obwohl ohne Meisterprüfung, wird er aber dennoch von allen Dorfbewohnern so angesprochen. In der oben erwähnten ehemaligen Schusterwerkstatt führt er vielseitige Arbeiten aus, so dichtet er leckende Kochtöpfe mit dem Lötkolben ab und macht Klempnerarbeiten. Er hat das erste Radio im Dorf, er fotografiert und entwickelt die Bilder selbst. Die Strohdächer seines Gehöftes versteht er eigenhändig fachmännisch zu reparieren, und am Heiligen Abend ist er bei vielen Familien als ‘Weihnachtsmann’ tätig. Über all' diese Sondertätigkeiten vergisst er nie die ordentliche Führung seiner Landwirtschaft.
Fritz Birkholz gehört zu jenen Geidauern die ihre Heimat nicht verlassen wollen. Als am 16. April 1945 das Dorf von der Roten Armee besetzt wird verbirgt sich die Familie, zusammen mit anderen Bewohnern, in einer vorbereiteten Erdgrube. Wenn die Front das Dorf überrollt hat gedenkt man wieder seiner Arbeit nachzugehen. Das Schicksal aber meint es nicht gut mit der Familie. Sie wird im Land umhergetrieben und muss dabei viele Widerwärtigkeiten ertragen. Am 12.06.1946 stirbt Gustav Birkholz in Laukischken im Alter von 82 Jahren. Nur drei Monate später stirbt Enkel Peter im fünften Lebensjahr. Erst 1948 kann die Familie in Weisedorf bei Dresden damit beginnen sich ein neues Leben aufzubauen. Am 26.06.1984 verstirbt dort unser Meister Birkholz im 81.Lebensjahr; 10.03.2002 folgt ihm seine Frau Martha im 92.Lebensjahr. Tochter Helga, verh. Pfeiffer lebt heute in Dresden und Bruder Johannes in Weisedorf b. Dresden.
Familie Max Gronau
Auf der gleichen Seite der Dorfstraße, in nordöstlicher Richtung liegt das Grundstück der Familie Gronau. Max Gronau ist gelernter Ofensetzer, mit Meisterbrief. Zu unserer Zeit ist die Berufsbezeichnung 'Töpfermeister' üblich. Er heiratet, nach dem Tod seiner ersten Frau, die Ehe ist kinderlos geblieben, im Jahre 1938 seine zweite Frau Marta und hat mit ihr zwei Kinder. Tochter Brigitte wird am 15.06.1939 und Sohn Wolfgang-Max am 08.05.1941 geboren. Schon aus der Zeit der ersten Ehe ist Pflegesohn Kurt Kiebis, im Hause. Die Kachelöfen die Meister Gronau 'setzt' sind eine Generationen-Investition.
Der bis unter die Zimmerdecke reichende Kachelverband ist von innen, im unteren Bereich mit feuerfester Schamotte und im oberen mit einer Mischung aus Sand und hochwertigem Lehm ausgekleidet. Der Ofen speichert die eingeheizte Wärme, je nach Heizmaterial, über zwölf Stunden und länger. Wohl halten die Kacheln, wie erwähnt meist ein Leben lang, doch um die Feuerzüge sauber zu halten muss so ein Ofen in gewissen Zeitabständen neu 'aufgesetzt' werden. Das bedeutet für unseren Töpfermeister zwar bezahlte Arbeit, da aber die Kacheln wieder verwendet werden entfällt der Verdienst aus dem Verkauf der Kacheln.
Eine kleine Landwirtschaft mit zwei Pferden die zu dem Anwesen gehört, das Meister Gronau, nur so wird er im Dorf genannt, fleißig bearbeitet sichert das Auskommen der Familie. Eines der Pferde bringt regelmäßig ein Fohlen zur Welt und sorgt damit für ein kleines Zubrot.
Auch die Familie Gronau gehört zu jenen Geidauern die sich entschließen ihre Heimat nicht zu verlassen und die darauf vertrauen nach dem Ende der Kampfhandlungen weiter im Dorf ihrer Arbeit nachgehen zu können. Allein dieses Vertrauen wird auch dieser Familie viel Kummer und Leid bringen.
Tochter Brigitte schreibt in ihren Erinnerungen u. a. Zitat: "... In unserem Haus hatten sich Russen einquartiert. Mein Bruder und ich holten nachts die Speisereste, welche die Russen auf den Mist warfen, zum Verzehr. Im Keller unseres Hauses befanden sich zu dieser Zeit viele Leute. Meine Mutter schickte Vater zu Meister Otto (Bressem) um Essen zu holen. Er kam ohne zurück und erzählte, dass Meister Otto erschossen wurde. ...". Meister Gronau soll in Pillau für das russische Militär Öfen aus Ziegelsteinen gebaut haben. Irgendwann wird er in Wischrodt tot aufgefunden. Frau Gronau, sie stammt aus Königsberg, zieht es wieder dorthin. Als ihre Beine sie nicht mehr tragen begibt sie sich mit den beiden Kindern in ein Krankenhaus und stirbt dort. Die Kinder, kaum sechs, bzw. vier Jahre alt, irren ziellos in Königsberg umher bis sie eines Tages aufgefunden und getrennt in Waisenhäusern untergebracht werden. Seit dem ist der Sohn Wolfgang-Max verschollen. Schon in Geidau prägt die Mutter den Kindern immer wieder ihren Namen und das Geburtsdatum ein. Für Tochter Brigitte sollte das die Rettung sein. Aber erst 1948 kommt sie, in Güterwagen transportiert, nach Thüringen. Zitat aus ihren Erinnerungen: "... Morgens wenn es hell wurde, schaute man nach, wer noch lebt. Die Toten wurden entsorgt!" Auch in Thüringen kommt Brigitte noch nicht zur Ruhe. Erst als nach intensiver Suche durch das DRK und andere Suchdienste der Bruder des Vaters und die Schwester der Mutter ge-funden werden kommt sie im März 1954 in den 'Westen'. Unter Mithilfe der Verwandten vervollständigt sie in Hamburg, in der Spätheimkehrerschule, ihre Schulbildung, macht eine Aus-bildung als Kindergärtnerin und kann danach ein geordnetes Leben beginnen. Im Jahre 1964, fast zwanzig Jahre nach dem Ende jenes unseligen Krieges, geht ihre Odyssee zu Ende - sie wird in Herborn im ev. Kindergarten angestellt. Dort lernt sie Richard Seidl kennen. Seit 1969 ist Brigitte nun Frau Seidl. Heute leben beide als Rentner im Eigenheim der Eltern von Richard Seidl in Herborn.
Familie Gustav Eggert
Auf der gegenüberliegenden Seite der Dorfstraße beginnt die Zufahrt zum Hof der Familie Eggert. Der Hof wird als kleiner Vollerwerbsbetrieb allein von Gustav Eggert und seiner Frau Elise bearbeitet. Die Töchter Lina und Anna helfen, soweit ihr Alter es ermöglicht, bei der Haus- und Feldarbeit. Tochter Lina übt nach Ende der Schulzeit und einer entsprechenden Ausbildung, die Tätigkeit des Milchkontrolleurs für die Ostpreußische Herdbuchgesellschaft aus. Dabei kontrolliert und dokumentiert sie auf den Höfen der Mitglieder der Gesellschaft in regelmäßigen Zeitabständen die Milchleistung- und Qualität der eingetragenen Kühe. Ihr Arbeitsbereich ist Geidau und seine Umgebung. Die großen Güter Kallen, Compehnen, Gaffken und Neuendorf gehören nicht zu Ihrem Arbeitsbereich. Diese Tätigkeit ist eine willkommene Hilfe zum Einkommen auf dem kleinen Bauernhof. Auch das Ehepaar Eggert will Haus und Hof nicht verlassen als im Januar 1945 die Kampflinie sich dem Dorf nähert. Allein die Töchter Lina und Anna beherzigen den eindringlichen Rat der im Dorf stationierten Soldaten, sich nicht den Gewalttaten der Roten Armee auszusetzen.
Nach den Aussagen von Überlebenden stirbt Gustav Eggert noch in den Wirren der Besetzung im April 1945, seine Frau verschlägt es nach der Kolchose in Dargen.
Dort stirbt sie im Dezember 1945. Beide Töchter verlassen am 07.02.1945 mit einem Schiff Pillau und kommen am 12.02.1945 in Osdorf b. Gettorf in Schlesw.-Holst. an. Lina bezieht, als verh. Siemoneit, später die in Gettorf gebaute landwirtschaftliche Nebenerwerbsstelle, und arbeitet dort in einer Gärtnerei. Ihr Ehemann arbeitet als Tischler bei einer Baufirma im Ort. Am 12.02.1978 stirbt Lina. Sie wird in Gettorf Beerdigt. Bei der Trauerfeier treffe ich, inzwischen in Osdorf angesiedelt, nach 34 Jahren zum ersten Mal ihre Schwester Anna, verh. Kirschnick, wieder; sie lebt in Hamburg-Finkenwerder. Am 13.10.1985 stirbt Anna in Finkenwerder. Die Nebenerwerbsstelle in Gettorf bewirtschaftet heute Heinz Siemoneit, der Sohn von Lina.
Die Schlachterei von Otto Lemke, später Familie Bressem
Wieder zurück auf der Dorfstraße, finden wir auf der rechten Seite die Schlachterei unseres Dorfes. Hier betreibt Meister Otto Lemke sein Gewerbe. An 'Meister Otto', so nennt man ihn im Dorf, habe ich noch heute wache Erinnerungen:
In seinem Geschäft strahlt ein rundes, immer fröhliches Gesicht die Kundschaft an. Natürlich kommt er auch auf den Hof, wenn in der kalten Jahreszeit eine Hausschlachtung ansteht. Früh morgens in der Dämmerung beginnt er seine Arbeit. Wenn es dann hell geworden ist hängt das Schwein schon sauber abgeschrabt und in zwei Hälften geteilt unter der gegen den Stall gestellten Leiter. Zum Abend kommt er wieder und teilt die Hälften nach den Wünschen der Hausfrau. Die Schwester von 'Meister Otto' betreibt mit ihrem Mann in Pillau ein Kolonialwarengeschäft mit einer Gastwirtschaft. Ende der dreißiger Jahre stirbt ihr Mann. Nach einigem Überlegen verlässt unser 'Meister Otto' endgültig Geidau und geht nach Pillau um seine Schwester zu unterstützen. Das Geschäft im Dorf übernimmt die Familie Bressem. Auch in der Familie Bressem gibt es einen 'Meister Otto', es ist der 1915 geborene älteste Sohn der Familie. Im Krieg ist der Schlachtbetrieb stark eingeschränkt und auch Hausschlachtungen gibt es nur noch für 'Selbstversorger', unter Anrechnung auf die 'Fleischmarken' des Haushaltes. Otto Bressem wurde nach den Erinnerungen von Brigitte Seidl, geb. Gronau, nach der Besetzung des Dorfes durch die Rote Armee, auf seinem Grundstück erschossen aufgefunden. Über den Verbleib seiner Eltern und des Jüngeren Bruders habe ich keine Informationen.
Familie Emil Wittkau
Direkt neben der Schlachterei liegt der Hof von Emil Wittkau und seiner Frau Grete. Es ist, nach den Höfen Federmann und Lienau, der drittgrößte Betrieb im Dorfe. Das Ehepaar hat zwei Kinder, Sohn Heinz, geb. 03.01.1923 und Tochter Anneliese, geb. im März 1924. Im Hause leben weiterhin Frederike Wittkau, die Mutter von Emil und ihre Schwester Margarete. Beide Kinder nehmen nach dem Grundschulunterricht in unserer Dorfschule, zur Weiterbildung am Privatunterricht im Hause der Familie Huuck teil. So bleibt den Kindern der zeitweilig beschwerliche Weg als Fahrschüler erspart, oder den Eltern die teuren Pensionskosten, für eine Unterbringung in Königsberg bzw. Pillau. Wie die meisten Bauern bei uns zieht auch Bauer Wittkau Fohlen auf, an denen vor allem Heinz und Anneliese hängen. Heinz fällt im Jahre 1944 in Rußland. Am 4. Februar verlässt die Familie mit beladenem Pferdefuhrwerk Geidau. Auf verstopften Straßen gelangt sie nach Pillau-Neutief. Dort schließt sie sich einem Treck in Richtung Süden an. Nach unbestätigten Angaben ist die Familie in der Gegend von Graudenz umgekommen.
Familie Lienau - Kiewitt
Als letztes Grundstück im 'Dreierblock', auf der Südostseite der Dorfstraße, liegt der Hof der Familie Lienau/Kiewitt. Im Jahre 1941 heiratet Kurt Lienau seine Frau Käte, geb. Brandt. Bis zur Heirat ist Frau Lienau auf dem benachbarten Gut Kallen als Rendantin tätig. Während dieser Tätigkeit sammelt sie, in der Zusammenarbeit mit dem langjährig dort tätigen Oberinspektor Masur, Erfahrungen die bei der Führung des Hofes Lienau hilfreich sein werden; das um so mehr als der Ehemann Kurt als 'Heimatflaksoldat' oftmals, wenn auch nur tageweise Dienst in der näheren Um-gebung tun muss. Am 10.04.1942 wird Tochter Christa und am 22.05.1943 Sohn Ulrich geboren. Der Traum vom gemeinsamen Schaffen auf der heimatlichen Scholle erfüllt sich für das Ehepaar Lienau, wie für viele andere hoffnungsvolle Paare nicht.
Im Januar 1945 wird die Familie Lienau mit Frau Kiewitt und deren Tochter Frau Weiß, zusammen mit der übrigen zivilen Bevölkerung des Dorfes evakuiert. Bei klirrendem Frost werden die Menschen nach Pillau gebracht und von dort, soweit auf den auslaufenden Schiffen Platz ist, weiter ins Reich oder, wie auch Familie Kie-witt/Lienau, nach Dänemark gebracht. Dort wird die Familie in einem Lager in Oksböl interniert.
Kurt Lienau bleibt als Soldat in der Heimat zurück und gerät in russische Gefangenschaft. Erst nach Jahren kehrt er zurück. Es dauert noch weitere Jahre ehe die Familie endlich in Leverkusen zur Ruhe kommt. Dort findet Kurt Lienau in der für ihn artfremden Chemiebranche Arbeit bei dem Bayer Konzern. Frau Kiewitt stirbt im Jahre 1955 in Freirachdorf. Im Jahre 1983 stirbt Frau Käte Lienau in Leverkusen, ein halbes Jahr später folgt ihr Ehemann Kurt. Sohn Ulrich lebt noch heute in Leverkusen und Tochter Christa, verh. Lichdi, in Brühl.
Friedrich und Johanne Polleit
Zurück auf der Dorfstraße, finden wir nach etwa zehn Meter in nordöstlicher Richtung, zur linken Hand, die Auffahrt zu dem Grundstück von Stellmachermeister Friedrich Polleit. Seine Schwester Johanne führt ihm die Wirtschaft. Da er schon im Rentenalter ist arbeitet er nur noch "...nach Bedarf und bei Gelegenheit". Hinter dem Zweiflügeltor zur Werkstatt zeigt sich eine Einrichtung die mit allen Spezialmaschinen- und Geräten für den Wagenbau ausgerüstet ist, und alles befindet sich in bestens gepflegtem Zustand.
Sein persönliches Markenzeichen: Unter einem leicht verbeulten und verwitterten Filzhut schauen leicht gekniffen, zwei verschmitzt blinzelnde Augen ihr Gegenüber an, und unwillkürlich kommt einem der Gedanke: "Na - was hat Er wohl im Sinn?" - Ich sollte ich es erfahren: Im Rahmen des Werkunterrichtes, in der Schule, baue ich mit einem Mitschüler ein Modellsegelboot. Als Helgen ist ein, entsprechend der Bodenform des Schiffes, geschnittenes Vierkantholz vom Profil 10cm x 10cm, und etwa 1m Länge erforderlich - mit Sicherheit nichts für die Laubsäge(!) - aber - bei Meister Polleit in der Werkstatt steht ja eine Bandsäge, das ideale Gerät für solche Aufgabe. Es ist Ende Juni, kurz vor den Sommerferien. Um etwa zwei Uhr nachmittags stehe ich dem Meister gegenüber und trage mein Anliegen vor. Dabei blicke ich in die oben beschriebenen Augen und: "Ja das könnte was werden, aber - unten auf der Wiese liegt mein Heu, fertig zum reinholen. Es wird Regen geben, da geht das Heu vor, und ich bin ja alt und kann nich' so schnell, da habe ich bis zum Abend zu tun, es sei denn - du spannst den Braunen an, holst das Heu rein und ich schneid' in der Zeit deine Helgen zu - was meinst du dazu?" Das ist typisch unser Meister Polleit. Die Sonne steht am Horizont als ich mit zwei Helgen unter dem Arm nach Hause gehe - und das Heu des Meisters liegt auf seinem Stallboden. Am 10.02.1945 stirbt Friedrich Polleit in Geidau und wird auf unserem Friedhof beerdigt. Seine Schwester Johanne stirbt im März 1945 in Palmnicken und wird auch dort beerdigt.
Über Insthäuser und Deputanten
In einem Dorf mit größeren landwirtschaftlichen Betrieben muss es auch Menschen geben die den Acker bearbeiten und das Vieh versorgen - unsere Instleute.
Es sind Ehepaare die in Häusern wohnen welche der Hofbesitzer, für den sie arbeiten, zu Verfügung stellt. So erklärt sich die Bezeichnung Insthaus. Dabei hat der Ehemann einen festgelegten Arbeitsbereich, z. B. als Gespannführer, Melker, Schweinemeister oder gar Kutscher, (allein damit kann eine besondere Verantwortung verbunden sein). Nur ein kleiner Teil des Lohnes wird als Bargeld ausgezahlt. Die überwiegende Entlohnung erfolgt in Naturalien, dazu zählen die Wohnung im Insthaus, Gartenland zum Anbau von Gemüse und Kartoffeln, Brot- und Futtergetreide für das Federvieh, für ein bis zwei Schweine und eine Kuh. An Stelle des Futters für eine Kuh wird oft kostenfreie Milchlieferung gewährt, wobei sich die Menge an der Größe der Familie orientiert, alternativ gibt es die Möglichkeit, dass eine Kuh im Stall des Hofbesitzers, der Familie zur Nutzung überlassen wird. Den gesamten Umfang der Naturalleistungen bezeichnet man als das Deputat und den Empfänger als Deputanten. Oft haben wir es auch mit so genannten Hofgängern zu tun. Dabei handelt es sich um alleinstehende, meist junge Männer, die kein Arbeitsverhältnis mit dem Hofbesitzer direkt haben, sondern von einem Deputanten dem Hof zur Arbeitsleistung gestellt werden. Ein Hofgänger wird daher von seinem Deputanten entlohnt. Die Art und Höhe seines Lohnes handelt der Deputant mit dem Hofbesitzer aus.
Ein besonderes Merkmal der Deputantenfamilie ist, dass auch die Ehefrauen, bei Bedarf und nach den famliären Möglichkeiten, für den Hofbesitzer arbeiten. Diese Arbeit wird extra abgegolten.
Das Insthaus des Hofes Wittkau
Nach der kurzen Klärung was wir unter den Begriffen Insthaus und Deputant verstehen, sind wir wieder auf der Dorfstraße und finden auf der Südostseite das Insthaus des Hofes Wittkau. In ihm lebt der Melker Fritz Quiatkowski mit seiner Frau Herta und dem Sohn Dieter. An die Familie habe ich keine Erinnerungen, auch über deren Verbleib ist mir nichts bekannt. In der zweiten Wohnung des Hauses lebte Franz Hoffmann mit seiner Familie bis zum Umzug in das Bosiensche Haus, s. weiter oben. Wer danach die zweite Wohnung im Haus bezieht weiß ich nicht, für mich ist es eben das andere Dorfende.
Das Insthaus des Hofes Lienau/Kiewitt / Familie Mill
Auf der gleichen Seite der Straße schließt sich das Insthaus des Hofes Lienau/Kiewitt an. Auch dieses Haus bietet Wohnraum für zwei Familien.
In einer der Wohnungen lebt Hans Sauf mit seiner Frau Lina und den Kindern Kurt, geb. 25.08.1935 und Edith, geb. 15.04.1938. Hans Sauf ist auf dem Hof Linau/Kiewitt als Melker beschäftigt. Auch er wird im Krieg eingezogen, kommt an die Ostfront und wird im Jahre 1944 als vermisst gemeldet. Über das Schicksal der übrigen Familienmitglieder habe ich kein Informationen.
Die zweite Wohnung im Insthaus des Hofes Lienau/Kiewitt bewohnt Paul Mill mit Ehefrau Luise. Paul Mill ist auf dem Hof Gespannführer und Deputant für alle Arbeiten.
Familie Mill ist die, an Kindern reichste Familie im Dorf - dreizehn Kinder gehören zur Familie, sie alle hier aufzuzählen würde den Rahmen der Beschreibung sprengen. Neben dem schon weiter oben erwähnten Dorfplan liegt dieser Beschreibung auch eine Einwohnerliste bei, aus der alle Informationen zu den Familien ersichtlich sind.
Tochter Eva, verh. Klatt, ist meine Informantin in Sachen Familie Mill. Auch diese Familie wird Ende Januar 1945 evakuiert.
Eva Klatt erinnert sich: "... bevor wir die bereit stehenden Schlitten bestiegen wurden wir durch den Bürgermeister verabschiedet. Viel habe ich, damals knapp zwölf Jahre alt, von der Rede nicht verstanden. Ich weiß aber am Ende hieß es: "... nun lasst euch man in Sicherheit bringen, und in acht Wochen seid ihr alle wieder hier!' "
- Es wurden lange acht Wochen. -
Paul Mill ist einer von den Männer welche die Schlitten sicher nach Pillau kutschieren anschließend soll er wieder zurück nach Geidau kommen, aber dort kommt er nie an. Seine Familie erreicht den Westen und wird im Raum Lübeck und in Aalen, in Württemberg-Baden sesshaft, Tochter Eva lebt mit ihrem Mann im Hamburg.
Das Insthaus II des Hofes Federmann
Zurück auf der Dorfstraße stehen wir vor dem Spritzenhaus; an ihm vorbei führt der Weg zum Insthaus II des Hofes Federmann. Die Bauform dieses Hauses findet man im Samland oft unter den Insthäusern.
In der ersten Wohnung lebt Emil Eisenberg mit seiner Frau Luise. Sieben Kinder wachsen in der Familie auf. Emil Eisenberg ist als Sohn von Karl Eisenberg und seiner Frau Rosine in Geidau geboren. Er führt auf dem Hof Feder-mann die Arbeit seines Vaters weiter. Im Dorf sagt man zwar er sei dort Kutscher, das aber beschreibt sein Arbeitfeld nicht im vollen Umfang. Wohl ist er verantwortlich für die wertvollsten Pferde und auch bei repräsentativen Fahrten kutschiert natürlich Emil Eisenberg; aber genau so gut fährt er in der Erntezeit vierspänniglang, zudem bespricht Richard Federmann und später auch seine Frau, die Einteilung der Arbeitskräfte auf dem Hof mit ihm.
Das alles entspricht aber dem Arbeitsbereich des Kämmerers auf einem Gutshof. Bei der Feuerwehr hat Emil Eisenberg als Löschmeister, die wichtigste Position nach dem Brandmeister. Schon Anfang Januar 1945 bringt er, selbstbewusst und in Vorausahnung dessen was da kommen wird, seine Familie nach Pillau. Mit einem Schiff gelangt sie nach Lübeck und findet in Sandesneben, Krs. Storman, ein Unterkommen. Emil Eisenberg muss in Geidau verbleiben, gelangt aber später über See nach Dänemark und wird dort interniert. Auch diese Familie wird durch den DRK-Suchdienst zusammengeführt. In Sandesneben arbeitet Emil Eisenberg als Küster bei der Kirchengemeinde. Am 28.12.1972 stirbt er dort, seine Frau folgt ihm am 06.04.1989 im 91. Lebensjahr. Sohn Fritz fällt am 01.04.1945 in der Gegend von Göttingen. Auch die Töchter Elfriede, Liselotte und Christel weilen nicht mehr unter den Lebenden. Die Töchter Ursula, Inge und Gerta finden in Hamburg Arbeit und ihre Ehemänner, sie leben noch heute dort.
An die weiteren Bewohner des Insthauses II vom Hof Federmann habe ich keinerlei Erinnerungen, es war eben, wie schon einmal erwähnt - das andere Dorfende.
Das Insthaus des Hofes Huuck
Als nächstes liegt auf der gleichen Seite der Dorfstraße das Insthaus des Hofes Huuck. Von den Familien die in diesem Hause leben, ist mir nur die, von Erich Federmann und seiner Frau Marie mit den Söhnen Herbert, Karl und Bruno in Erinnerung geblieben. Erich Federmann ist als Freiarbeiter im Dorf und in der Umgebung des Dorfes tätig, bis er anfangs der vierziger Jahre mit der Beaufsichtigung und Betreuung der ausländischen, zivilen Arbeiter auf der benachbarten Domäne Neuendorf beauftragt wird. Der älteste Sohn Herbert erlernt bei unserem Meister Raedel das Schmiedehandwerk. Karl, der zweitgeborene Sohn fällt am 15.02.1945, noch keine achtzehn Jahre alt, in der Gegend von Cottbus. Nach dem Krieg macht die Familie im Norden der Lüneburger Heide einen neuen Anfang. Mutter Marie stirbt im Jahre 1972 in Welle b. Buchholz, Vater Erich folgt ihr 1974 in Handeloh. Herbert lebt bis 1996 in Handeloh und stirbt dort am 19.11.1996. Der jüngste Sohn Bruno zieht in die Gegend von Passau und stirbt am 24.07.2004 in Ruterding b. Passau.
Familie Emil Raedel
Auf der anderen Seite der Dorfstraße, dem Insthaus des Hofes Huuck gegenüber, lebt Schmiedemeister Emil Raedel mit seiner Frau Marie und den Töchtern Ella und Erna. Herbert Federmann ist der letzte Lehrling und Geselle bei Meister Raedel. Schon seit Ende der dreißiger Jahre leidet er stark an der Schüttellähmung (Parkinson), so bleibt die Esse kalt und die Werkstatt mit allen Spezialgeräten ungenutzt. Am 24.01.1945 stirbt Emil Raedel im Alter von 77 Jahren, kurz vor der Evakuierung des Dorfes. Tochter Ella, verh. Willuhn arbeitet in Fischhausen auf dem Landratsamt, ihre Tochter Sabine besucht zunächst unsere Dorfschule. Tochter Erna heiratet Mitte der dreißiger Jahre den Gärtnermeister Richard Sommer. Mit ihm richtet sie auf dem elterlichen Grundstück eine Gärtnerei ein. Drei Kinder wachsen im Hause auf. Am 25.03.1938 wird Sohn Erhard geboren, Tochter Regina erblickt am 25.03.1939 das Licht der Welt und seit dem 03.09.1940 feiert Tochter Rosemarie ihren Geburtstag. Richard Sommer stirbt am 10.02.1945 als Soldat bei einem Luftangriff in Pillau. Nach dem Krieg versuchen die Überlebenden der Familie in Lübeck einen neuen Anfang. Marie Raedel stirbt am 15.10.1957 in Lübeck. Ella Willuhn geb. Raedel lebt bis zum 01.02.1989 in Lübeck. Tochter Sabine, verh. Schwader, stirbt ebenfalls in Lübeck im Jahr 2000. Erna Sommer, geb. Raedel, stirbt am 27.11.1992 in Lübeck. Sohn Erhard wird in Bielefeld sesshaft und stirbt dort am 01.09.2002. Tochter Regina, verh. Koll, stirbt am 22.06.1995 in Lübeck. Tochter Rosemarie, verh. Wolf, genießt als letzte der Familie mit ihrem Ehemann Volkmar das Leben im Ruhestand, in Lübeck.
Der Nebenhof des Besitzes der Familie Federmann
An das Grundstück der Familie Raedel/Sommer grenzt der Nebenhof des Besitzes der Familie von Richard Federmann. Verwandtschaftliche Beziehungen zu den übrigen Familien mit dem gleichen Namen, im Dorf bestehen, nach meinem Wissen, nicht. Im Hause Federmann lebt Katharina Federmann mit Sohn Richard und Tochter Dora, sie heiratet den Juristen Gerhard Sawitzki. Beide wohnen fortan in Königsberg. Den Nebenhof kaufte Franz Federmann, der Vater von Richard, im Jahre 1905 mit den dazu gehörenden Ländereien. Die große Hoffläche ist zur Dorfstraße hin offen. An den drei verbleibenden Seiten ist der Hof eingerahmt von einem kombinierten Lager- und Geräteschuppen, der direkt an das Raedel/Sommersche Anwesen grenzt. Parallel zur Dorfstraße steht am hinteren Ende des Hofes eine große, mit Brettern verschalte Scheune. Das Wohnhaus, als letztes Gebäude des Dorfes, auf der Südostseite der Straße, rechtwinklig zu ihr angeordnet, befindet sich in sehr schlechten Zustand und wird zum Insthaus I, mit vier Wohnungen umgebaut.
In einer davon lebt der Deputant Gustav Kohn mit seiner Frau Berta und den Kindern Willi, Gertrud, Herr-mann und Liesbeth. Gustav Kohn verstirbt 1949 in Sandesneben/Schleswig-Holstein, seine Frau folgt ihm 1971 in Linnich/Tetz. Sohn Herrmann fällt am 16.09.1943 an der Ostfront und sein Bruder Willi am 01.03.1945 in Königsberg. Gertrud, verh. Bräunlich und ihre Schwester Lisbeth, verh. Kornick, sollen in Linnich/Tetz leben, nähere Informationen über die beiden Schwestern konnte ich nicht erfahren.
Die Namen der übrigen Bewohner dieses Hauses sind mir nicht mehr in Erinnerung. Wieder muss ich, wie schon weiter oben sagen: "Das Haus liegt eben am anderen Dorfende". Nach dem Erwerb des Nebenhofes ist der Hof Federmann auf 142 ha angewachsen und damit der größte Hof in unserem Dorf. Um der jetzt erforderlichen Anzahl von Arbeitskräften ausreichend Wohnraum zu bieten, wird auf einem Flurstück nahe dem Dorfteich das Insthaus II, im gleichen Stil wie das Insthaus I, mit ebenfalls vier Wohnungen und den zugehörigen Stallungen erbaut. Es ist das Haus in dem, neben anderen Familien, wie schon erwähnt, Emil Eisenberg mit seiner Familie wohnt.
Familie Richard Federmann
Auch auf dem Haupthof, der dem Nebenhof gegenüber auf der Nordwestseite der Dorfstraße liegt, werden in jenen Jahre umfangreiche Arbeiten an den Gebäuden durchgeführt. Im Jahre 1932 übernimmt Richard Federmann die Bewirtschaftung des Besitzes. Er gilt als sachlicher, kenntnisreicher Landwirt. Im gesellschaftlichen Dorfleben mischt er engagiert mit. So ist er der Brandmeister unserer Feuerwehr und auch bei den alljährlichen Treibjagden und dem anschließenden Schüsseltreiben fehlt Richard Federmann nicht. 1938 heiratet er seine Frau Ursula, geb. Johnen. Sie hat bis zur Heirat auf dem benachbarten Gut Karlshof, in der Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Oberinspektor Rohrmoser, umfangreiche Kenntnisse in der Führung eines landwirtschaftlichen Großbetriebes gesammelt die ihr in späteren Jahren von großem Nutzen sein werden. Am 19.07.1939 wird Tochter Brigitte geboren und am 23.05.1944 gesellt sich Tochter Elke dazu. Zu diesem Zeitpunkt tut Richard Federmann bereits Dienst als Offizier bei der Marineartillerie im Heimatbereich.
Die Verantwortung für die Betriebsführung liegt jetzt auf den Schultern von Ursula Federmann. Dabei beschränkt sie sich nicht auf theoretische Direktiven aus dem Büro. Noch heute sehe ich sie, in der Erinnerung, auf dem Sattelpferd sitzend, vierspännig einen vollen Leiterwagen kutschieren, auch den Trecker, Marke 'Lanz ', den der Betrieb inzwischen erworben hat, weiß sie zu lenken.
Bei alledem hat sie in Emil Eisenberg einen gewissenhaften und erfahrenen Helfer. Neben dem Ackerbau und der Milchviehhaltung widmet sich der Betrieb der Pferdezucht. In Zusammenarbeit mit der 'Ostpreußischen Stutbuchgesellschaft', in Königsberg, werden im Dezember 1944 drei wertvolle, tragende Stuten und zehn Fohlen bzw. Jungpferde im Alter von einem bis zweieinhalb Jahren nach Pommern zum Gut Stuchow gebracht, auch die Töchter Brigitte und Elke werden dorthin gebracht.
Als im Januar 1945 Geidau evakuiert wird geht Ursula Federmann mit Handgepäck auf die Flucht. Ihr Ziel ist das Gut Stuchow. Dort stellt sie einen Treckwagen zusammen. Die drei tragenden Stuten aus ihrem Besitz ziehen, nebeneinander gespannt, den schweren Leiterwagen.
Die 'Zweieinhalbjährigen' sind hinter den Wagen gebunden, so beginnt eine Fahrt ins Ungewisse, gen Westen; mit dabei auf dem Wagen, die Töchter Brigitte und Elke, sowie Frau Johnen sen. die Mutter von Ursula Federmann. Der Fluchtweg endet in dem kleinen Ort Kathen, in Schleswig-Holstein. Im Juni 1945 trifft auch Richard Federmann in Kathen ein.
Nach enbehrungsreichem Anfang als Fuhrbetrieb und der Pacht eines Kleinhofes gelingt schließlich der Erwerb eines Hofes in
Fuhlenrüe, in der Nähe von Bad Bramstedt. Noch einmal wechselt das Ehepaar den Wohnsitz. In Tensfeld findet es seinen Ruhesitz, hier stirbt Richard Federmann am 13.12.1976, am 30.06.1993 folgt ihm seine Frau Ursula, sie stirbt in Bad Bramstedt. Tochter Brigitte, verh. Köll, lebt heute in Bad Segeberg und Schwester, Elke, verh. Bracker, in Uelzen.
Familie Bruno Huuck
Das Anwesen der Familie Huuck begrenzt unser Dorf im Nordosten. Der Hof schließt sich an den Haupthof der Familie Federmann an und ist, wie alle Höfe, durch eine Zufahrt mit der Dorfstraße verbunden.
Im Hause leben Bruno Huuck und seiner Frau Frieda, geb. Hammoser mit ihren Kindern Margarete, Erwin und Erika; mit im Haus wohnt Heinrich Hammoser, der Vater von Frieda Huuck. Er stirbt am 30.08.1940 und wird auf unserem Dorffriedhof beerdigt. Auf dem Hof ist, einmalig im Dorf, neben dem Wohnhaus ein Erdkeller angelegt, sichtbar ist nur die begrünte Erdabdeckung der massiven Kellerdecke. Im Gebäude neben dem Keller befinden sich unten die Waschküche, der Hühnerstall und andere Wirtschaftsräume. Der Boden darüber wird als Speicher genutzt, dort ist eine Zentrifugalschrotmühle installiert.
Bruno Huuck ist ein sehr vielseitig engagierter Landwirt. Nach Überprüfung des Betriebes durch die Reichsbauernschaft wird der Hof zum anerkannten land- und hauswirt-schaftlichen Lehrbetrieb erklärt. Er selbst wird zum Ortsbauernführer bestellt, und übernimmt kurz vor Beginn des Krieges auch das Amt des Bürgermeisters.
Frieda Huuck gründet im Dorf eine Frauenschaft und lässt im Rahmen dieser Aktivität, unter Mithilfe von Katharina Federmann, der Mutter von Richard Federmann, in der Dorfschule in einem, von der Schule nicht genutzten Klassenraum, einen alten Webstuhl aufstellen und voll betriebfähig herrichten. In der Herbst- und Winterzeit lernen die Hausfrauen das Weben von Stoffen mit Mustern der alten samländischen Trachten.
Noch heute hängt in unserem Hobbyzimmer ein Bild meiner Mutter auf dem sie ihren Rock aus dem selbstgewebten Trachtenstoff trägt. Wie für je-den guten Landwirt in Ostpreußen, ist auch für Bruno Huuck, die Pferdezucht ein besonderes Anliegen. Auf dem alljährlichen Remontenmarkt kann er durch Angebot und Verkauf die Bilanz seines Hofes verbessern. Margarete, die älteste Tochter, im Hause liebevoll 'Gretel' genannt, macht ihre Hauswirtschaftslehre in der Nähe von Insterburg und ist dann weitgehend zu Hause tätig. Erwin lernt, als zukünftiger Hoferbe, die Landwirtschaft von der Pike auf, zunächst im elterlichen Betrieb, dabei wird dem Kronensohn bei Leibe keine Extrawurst gebraten, im Gegenteil, wo die Arbeit am größten, ist Erwin am nächsten. Das letzte Halbjahr lernt er, entsprechend den Bestimmungen, in einem Fremden Betrieb. Am 09.12.1942 wird er, nach bestandener Prüfung zum landwirtschaftliche Gehilfen, zur Wehrmacht eingezogen und übersteht den Krieg, mit etwas Glück, ohne Blessuren.
Für Erika beginnt die Hauswirtschaftslehre im April 1944, wie für Erwin zunächst zu Hause. Das zweiten Lehrjahr soll sie in einem Haushalt in Masuren absolvieren, darauf freut sie sich sehr aber das Schicksal will es - wie bei vielen Menschen in dieser Zeit - anders.